SIG Pediatric Pain
Swiss Pain Society
Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen
Anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Kindes- und Jugendalter. Etwa jedes fünfte Kind beziehungsweise jede fünfte jugendliche Person ist betroffen. Am häufigsten treten Kopf- und muskuloskelettale Schmerzen auf, oft bestehen aber auch Schmerzen in mehreren Körperregionen gleichzeitig. Chronische Schmerzen bei jungen Menschen sind damit kein Randphänomen, sondern ein Thema, mit dem Gesundheitsfachpersonen regelmässig konfrontiert sind.
Schmerz im Entwicklungskontext
Kinder und Jugendliche erleben, äussern und verarbeiten Schmerz anders als Erwachsene, da ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit, kognitive und körperliche Reife sowie ihre emotionale Regulation sich noch in Entwicklung befinden. Ein Kind kann Schmerz oft noch nicht differenziert benennen, eine Jugendliche zieht sich eher zurück, anstatt aktiv um Hilfe zu bitten. Wachstumsphasen und die Pubertät mit ihren zahlreichen Entwicklungsaufgaben und körperlichen Veränderungen sind zusätzliche Vulnerabilitätsfenster, in denen sich akuter Schmerz leichter chronifiziert. Ein biopsychosoziales Verständnis ist deshalb von Beginn an zentral, wenn Schmerzen auftreten und zu Beeinträchtigungen im Alltag führen.
Familie, Schule und Ausbildung als Teil des Systems
Junge Menschen stehen in enger Beziehung und Abhängigkeit zu ihren Bezugspersonen. Chronischer Schmerz betrifft daher nie nur das Kind allein. Elterliche Sorge, familiärer Stress oder ein starker Fokus der Bezugspersonen auf die Schmerzsymptomatik können unbeabsichtigt die Schmerzen aufrechterhalten. Ebenso wichtig ist der Blick auf Schule und Ausbildungsstelle. Häufige Absenzen, Leistungsdruck oder der Verlust des Anschlusses an Gleichaltrige können den sozialen Rückzug verstärken. Eine wirksame Behandlung bezieht deshalb konsequent auch das gesamte familiäre und soziale Umfeld mit ein.
Hohe psychische Komorbidität
Ein beträchtlicher Teil der schmerzbetroffenen Kinder und Jugendlichen leidet zusätzlich oder als Folge der Schmerzen an einer psychischen Beeinträchtigung. Am häufigsten treten Angststörungen und depressive Symptome auf. Zudem berichten Betroffene häufiger von traumatischen Lebensereignissen. Auch ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen sind mit erhöhter Schmerzprävalenz im Kindes- und Jugendalter assoziiert.
Warnsignale erkennen
- Wiederholte, ergebnislose somatische Abklärungen ohne klaren Befund
- Reduzierte Wirksamkeit der Schmerzmedikation
- Häufige Schulabsenzen oder Schwierigkeiten am Ausbildungsplatz
- Ausgeprägte Vermeidung körperlicher oder sozialer Aktivitäten – oder umgekehrt stetiges Durchhalten ohne adäquates Erkennen von Körpersignalen
- Starke elterliche Sorge oder ausgeprägter Symptomfokus im Familiensystem
- Begleitende Angst-, Schlaf- oder Stimmungsprobleme
Früh und interprofessionell handeln
Je länger Kinder und Jugendliche mit unbehandeltem Schmerz leben, desto grösser wird das Risiko einer Chronifizierung bis ins Erwachsenenalter. Eine frühzeitige interprofessionelle Abklärung, bei der von Beginn an nicht nur körperliche, sondern auch psychische, schulische und soziale Aspekte berücksichtigt werden, verbessert die Prognose deutlich und ermöglicht das rasche Einleiten einer passenden multimodalen Therapie. Wichtig ist der direkte, entwicklungsgerechte Einbezug des Kindes oder Jugendlichen selbst statt einer reinen Fremdanamnese über die Eltern. Zudem ist ein validierender Kommunikationsstil entscheidend: Schmerzäusserungen von jungen Menschen müssen immer ernst genommen werden. Verharmlosende Aussagen wie «Du hast nichts» werden häufig als Nicht-Ernstnehmen erlebt und können die Symptomatik verstärken. Wichtig ist ein aktives Fragen nach Schule, Familie, sozialer Situation und psychischem Befinden sowie ein frühzeitiger Einbezug eines interprofessionellen Teams.