Physiotherapie

Ganzheitliche Schmerzversorgung mit biopsychosozialem Ansatz

Physiotherapeut spielen eine wichtige Rolle in der Versorgung von Menschen mit Schmerzen. Eine biopsychosoziale Perspektive, gezielte Kommunikation und individuell angepasste Bewegung können dazu beitragen, Beschwerden frühzeitig zu erkennen und die Selbstwirksamkeit zu stärken.
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Maria Eggimann

Physiotherapeutin am Inselspital Bern, Fachbereich Psychosomatik

Physiotherapie bei Schmerzen

Schmerzen und Funktionseinschränkungen gehören zu den häufigsten Gründen für eine physiotherapeutische Behandlung. Physiotherapeut:innen begleiten Menschen meist über mehrere Termine hinweg und können dadurch Veränderungen von Schmerzen, Funktion, Aktivität und psychosozialen Einflussfaktoren beobachten.

Gerade bei akuten und subakuten Beschwerden ist es wichtig, frühzeitig Faktoren zu erkennen und zu erfassen, die mit einem erhöhten Risiko für anhaltende Schmerzen und Funktionseinschränkungen verbunden sind. Voraussetzung ist, dass vorgängig Warnzeichen (Red Flags) abgeklärt sind.

Biopsychosoziale Faktoren und interdisziplinäre Versorgung

Bei der Schmerzanamnese und -behandlung sollte eine biopsychosoziale Perspektive berücksichtigt werden. Dabei werden biologische, psychologische und soziale Faktoren gemeinsam betrachtet, die zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung von Schmerzen beitragen können.

Ein strukturiertes Screening kann dabei unterstützen, Personen mit einem erhöhten Risiko für anhaltende Beschwerden zu erkennen.

Bei erhöhtem Risiko oder unzureichender Besserung sollte zeitnah ein erster interprofessioneller Austausch mit der zuweisenden oder behandelnden Ärzt:in gesucht werden. Dabei kann auf die Ergebnisse der Screening-Tools hingewiesen werden. Auf dieser Grundlage kann die verordnende Ärzt:in frühzeitig weitere Disziplinen oder Beratungsstellen (z. B. Psychologie, Sozialarbeit, Ergotherapie) hinzuziehen.

Weiter kann die betroffene Person an eine spezialisierte Physiotherapie im Bereich Schmerz (Spezielle SchmerzPhysioTherapie, SpSPT) weiterverwiesen werden.  

Therapiegrundlage

Schmerzen erklären und Selbstwirksamkeit stärken

Verständliche Edukation über Schmerzen und Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Gemeinsam mit der betroffenen Person sollte ein individuelles Verständnis der Beschwerden entwickelt werden.

Dabei ist es wichtig zu vermitteln, dass Schmerz und Nozizeption nicht dasselbe sind. Schmerz ist eine komplexe, individuelle Erfahrung, die durch das Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Einflussfaktoren beeinflusst wird. Schmerzen können daher auch dann bestehen, wenn keine hinreichend erklärende strukturelle Schädigung nachweisbar ist.1

Therapeutische Massnahmen sollten verständlich erklärt und gemeinsam mit der betroffenen Person gewählt werden. Ziel ist es, Selbstwirksamkeit, Gesundheitskompetenz und Selbstmanagement zu stärken.

Gemeinsam sollen realistische und individuelle Ziele formuliert werden. Eine partizipative Zielsetzung berücksichtigt, was der Person im Alltag wichtig ist. Ein einfaches Messinstrument für individuell gewählte Aktivitäten ist beispielsweise die Patienten-Spezifische Funktions-Skala (PSFS).2

Kommunikation

Die Kommunikation in der Physiotherapie sollte nicht ausschliesslich auf biomedizinische Faktoren und funktionelle Defizite ausgerichtet sein. Wie Informationen vermittelt werden, kann die Erwartungen, Behandlungsergebnisse und Schmerzerleben mitbestimmen. Verständliche, empathische und realistische Kommunikation kann positive Behandlungserwartungen unterstützen.3 Unnötig bedrohliche Formulierungen sollten vermieden werden – beispielsweise Aussagen, die normale Bewegungen als gefährlich darstellen oder Befunde dramatisieren.4 Solche Kommunikationsweisen können Angst und negative Erwartungen fördern.

Weitere Hilfsmittel

  • Die Deutsche Schmerzgesellschaft stellt einen strukturierten physiotherapeutischen Schmerzassessmentbogen zur Verfügung. Das Manual und der Fragebogen für Rücken- und Nackenschmerzen sind hier abrufbar: Physiotherapeutische Assessment
  • Die Special Interest Group Schmerzphysiotherapie der Swiss Pain Society erläutert wichtige Terminologien der Schmerzphysiotherapie. Die entsprechenden Informationen finden Sie hier: Terminologie in der Schmerzphysiotherapie | Swiss Pain Society
  • Verständliche Schmerzedukation für Patient:innen in verschiedenen Sprachen: Pain Revolution bietet leicht zugängliche Informationen über Schmerzen, unter anderem auf Deutsch, Französisch und Italienisch. Die Materialien finden Sie hier: Essential Pain Facts – Pain Revolution
  • EFIC (European Pain Federation) stellt evidenzbasierte Informationen und Materialien zu körperlicher Aktivität und chronischen Schmerzen für Gesundheitsfachpersonen und Menschen mit chronischen Schmerzen zur Verfügung: EFIC On The Move – European Pain Federation

Bewegung als Medizin

Regelmässige körperliche Aktivität ist bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen ein zentraler Behandlungsbestandteil.5,6

Bereits in der akuten Phase ist es wichtig, aktiv zu bleiben, etwa bei akuten Rückenschmerzen.7 Edukation und Begleitung helfen, Unsicherheiten zu besprechen und Ängste zu reduzieren.

Bei langandauernden Schmerzen sollte ein individualisiertes Übungs- oder Bewegungsprogramm gewählt werden, das zu Bedürfnissen, Möglichkeiten, Zielen und Vorlieben der betroffenen Person passt.6 Entscheidend ist nicht, eine vermeintlich «richtige» Übung zu finden, sondern eine Form von Bewegung zu ermöglichen, die langfristig umsetzbar ist und die Person dabei unterstützt, aktiv zu bleiben.

Merke

  • Biopsychosoziale Faktoren systematisch erfassen und berücksichtigen
  • Geeignete Screeninginstrumente einsetzen
  • Bewusste und ressourcenorientierte Kommunikation
  • Frühzeitiger Austausch mit der behandelnden Ärzt:in
  • Gemeinsames Schmerzverständnis entwickeln
  • Partizipative und alltagsnahe Zielsetzung
  • Bewegung und Aktivität als Therapie
  • Selbstmanagement und Selbstwirksamkeit stärken
  • Frühzeitige interdisziplinäre Vernetzung

Quellen

1Raja SN, Carr DB, Cohen M, Finnerup NB, Flor H, Gibson S, et al. The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises. 2020;161(9):1976-82. doi:10.1097/j.pain.0000000000001939

2Heldmann P, Schöttker-Königer T, Schäfer A. Cross-cultural adaption and validity of the „Patient Specific Functional Scale“. Int J Health Prof. 2015;2(1):73-82. doi:10.1515/ijhp-2015-0002

3Chapman CR, Stone MD, Anthony J, Patawaran M, Sinsay J, Solomon CR, et al. More frequent empathic communication by physical therapists is associated with improved outcomes for low-impact chronic pain. Phys Ther. 2026;106(2):pzag001. doi:10.1093/ptj/pzag001

4Darlow B, Dowell A, Baxter GD, Mathieson F, Perry M, Dean S. The enduring impact of what clinicians say to people with low back pain. Ann Fam Med. 2013;11(6):527-34. doi:10.1370/afm.1518

5Geneen LJ, Moore RA, Clarke C, Martin D, Colvin LA, Smith BH. Physical activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane Reviews. Cochrane Database Syst Rev. 2017;4(4):CD011279. doi:10.1002/14651858.CD011279.pub3

6National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Chronic pain (primary and secondary) in over 16s: assessment of all chronic pain and management of chronic primary pain. NICE guideline NG193 [Internet]. London: NICE; 2021. Verfügbar unter: https://www.nice.org.uk/guidance/ng193

7Dahm KT, Brurberg KG, Jamtvedt G, Hagen KB. Advice to rest in bed versus advice to stay active for acute low-back pain and sciatica. Cochrane Database Syst Rev. 2010;(6):CD007612. doi:10.1002/14651858.CD007612.pub2