Vertiefungswissen

Strategien und Konzepte zur Vorbeugung chronischer Schmerzen

Chronische Schmerzen lassen sich am effektivsten verhindern, wenn Prävention als ganzheitlicher Ansatz verstanden wird. Unser Vertiefungswissen zeigt, wie primäre, sekundäre und tertiäre Massnahmen wirken, welche Risikofaktoren frühzeitig erkannt werden sollten und wie eine interdisziplinäre Behandlung langfristige Folgen minimiert.
Bild von Prof. Dr. med. Konrad Streitberger

Prof. Dr. med. Konrad Streitberger

Projektleitung PrePaC, Leitender Arzt Schmerzmedizin

Was bedeutet Prävention chronischer Schmerzen?

Prävention ist nur möglich, wenn chronische Schmerzen als Erkrankung im gesamtgesellschaftlichen Kontext gesehen werden. Um eine Chronifizierung von Schmerzen zu verhindern, müssen neben einer adäquaten Behandlung von akuten Schmerzen auch frühzeitig psychosoziale Belastungsfaktoren erkannt werden.

Chronische Schmerzen wurden bisher als Erkrankung kaum beachtet. Es gibt daher nur wenig Literatur zur Prävention chronischer Schmerzen. Diese wurde im Rahmen eines Global Years for Prevention of Pain von der IASP 2020 in verschiedenen Factsheets aufgearbeitet und zusammengestellt. Darauf beruht auch das Modell, wie die klassische Einteilung von primärer, sekundärer und tertiärer Prävention auf die Prävention chronischer Schmerzen übertragen werden kann (Abb. 1).

Schmerzprävention

Die Grundlage der primären Schmerzprävention bilden allgemeine Massnahmen zur Stärkung der Gesundheit. Dazu zählen Empfehlungen zu regelmässiger Bewegung und gesunder Körperhaltung, einer gesunden Ernährung und ausgeglichenen Gewichtbilanz, zur Verringerung eines ungesunden Lebensstils inklusive Reduktion von Suchtmitteln und eines angemessenen Stressmanagements. Mittels der Primärprävention sollen zudem akute Schmerzen direkt so behandelt werden, dass sie kontrolliert sind und innerhalb weniger Tage besser werden und verschwinden. Den möglichen ursächlichen Krankheitsfaktoren sollen vor deren Entstehung entgegengewirkt werden, wie zum Beispiel mit Unfallprävention, allgemein Stärkung der Resilienz, aber auch Sensibilisierung auf Risikofaktoren für chronische Schmerzentwicklung.

Die Sekundärprävention hat zum Ziel, den Übergang von akuten in chronische Schmerzen vorzubeugen indem Risikofaktoren für eine Chronifizierung erkannt und rechtzeitig in der Behandlung mitberücksichtigt werden. Nach drei Monaten anhaltenden Schmerzen wird eine interdisziplinäre Evaluation und multimodale Schmerztherapie empfohlen. Der im Rahmen des Projekts PrePaC entwickelte Gesundheitspfad zeigt die Umsetzung für sekundärprävention am Besipiel von muskuloskelettale Schmerzen. 

Die Massnahmen in der Tertiärprävention beinhalten die Verringerung von Folgen von chronischen Schmerzen wie zum Beispiel der komplette soziale Rückzug oder Schmerzmittelabhängigkeit. Die Grundsätze einer adäquaten biopsychosozialen Schmerztherapie sind ein gutes Schmerz-Management und der Wiederaufbau oder Erhalt der Funktionalität. Gleichzeitig soll die physische, psychische und soziale Verfassung von Patient:innen ausbalanciert und verbessert, sowie der Schmerzmittelgebrauch reduziert werden. Dies kann dann optimalerweise im Rahmen einer interprofessionellen multimodalen Schmerztherapie in einem ambulanten Programm oder auch stationär erfolgen.

Abb. 1: Präventionsmodell © PrePaC

Fachbeiträge aus der Praxis

Wie lässt sich die Prävention chronischer Schmerzen konkret in die Versorgung integrieren? In verschiedenen Beiträgen im Leading Opinion beleuchtet das PrePaC-Team zentrale Aspekte der Schmerzprävention – von der frühen physiotherapeutischen Mitbeurteilung und dem Screening psychosozialer Faktoren bis hin zur Bedeutung der Sozialen Arbeit.

Die Beiträge greifen aktuelle Erkenntnisse auf und zeigen anhand von Praxisbeispielen, wie eine biopsychosoziale und interprofessionelle Versorgung dazu beitragen kann, Schmerzchronifizierung frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden.

Neue Wege in der Prävention chronischer Schmerzen

Wie können chronische Schmerzen frühzeitig verhindert werden? Der Beitrag zeigt die Bedeutung des biopsychosozialen Schmerzmodells und einer frühzeitigen, interprofessionellen Versorgung auf.

Soziale Arbeit als integraler Bestandteil der Prävention und Behandlung chronischer Schmerzen

Psychosoziale Belastungen können den Verlauf von Schmerzen beeinflussen. Der Beitrag zeigt, wie Klinische Soziale Arbeit frühzeitig ansetzen und die medizinische Versorgung ergänzen kann.

Screening psychosozialer Faktoren in der Schmerzmedizin

Psychosoziale Faktoren können zur Entstehung und Chronifizierung von Schmerzen beitragen. Der Beitrag zeigt, weshalb ihre frühzeitige Erfassung für eine gezielte Behandlung wichtig ist.

Physiotherapie bei akuten muskuloskelettalen Schmerzen

Welche Rolle spielt die Physiotherapie bei akuten Schmerzen? Der Beitrag zeigt, wie eine frühe physiotherapeutische Mitbeurteilung die Versorgung unterstützen und Chronifizierungen vermeiden kann.

Von der Patientin zur Expertin –eine Reise mit der Pain Journey Map

Was erleben Menschen mit Schmerzen entlang ihres Versorgungspfades? Der Beitrag zeigt, wie die Pain Journey Map die Patient:innenperspektive sichtbar macht und die Kommunikation und Versorgung verbessern kann.