Noemí Martín
Wissenschaftliche Assistentin, Master of Science in Psychology
Dialog im Schmerzmanagement: Grundlegende Kommunikationsformen
Schmerzen sind ein alltägliches Thema im Leben vieler Menschen. In der Schweiz leiden laut dem Bundesamt für Statistik (2022) 50% der Frauen und 40% der Männer zeitweise an Rücken- oder Kreuzschmerzen. Schmerzen in Schultern, Nacken und Armen werden zudem von 36% der Frauen und 34% der Männer berichtet. Diese und weitere Formen von Schmerzen stellen betroffene Personen sowie auch therapeutisches Fachpersonal vor Herausforderungen. Empirische Befunde legen nahe, dass die Interaktion zwischen Behandelnden und Patient:innen sowie strukturelle Bedingungen wesentlich zu Diagnose und zum Behandlungserfolg beitragen (Bishop et al., 2023; Sheriff et al., 2022). Realistische Ziele, Verständnis der Behandlung und akzeptierende Haltung erleichtern Teilnahme und Fortschritte (Goldsmith et al., 2023; Spink et al., 2021). Vor diesem Hintergrund lässt sich erkennen, dass die Kommunikation ein Schlüsselaspekt in der Behandlung von Schmerzpatient:innen zu sein scheint. Umso wichtiger ist es, sich für die Gespräche mit den Patien:innen genügend Zeit und ein strukturiertes Vorgehen vorzunehmen. Wichtige Stichworte wie Normalisierung und Validierung, Paraphrasieren und Verbalisieren sowie Psychoedukation im Sinne des biopsychosozialen Modells und die Förderung der Selbstwirksamkeit helfen dabei und werden im Video zur Kommunikation mit Schmerzbetroffenen beispielhaft aufgezeigt.
Kommunikation mit Schmerzbetroffenen
© PrePaC 2026
Bei Patient:innen mit akuten Schmerzen kann Kommunikation einen entscheidenden Einfluss auf die Erwartung des Krankheitsverlaufs und damit auf die Erkrankung selbst haben. Eine gute Kommunikation kann somit ebenfalls eine präventive Wirkung für die Entwicklung von chronischen Schmerzen haben.
Empfehlungen welche grundlegenden Kommunikationsformen mit Schmerzpatient:innen aktiv umgesetzt und unterstützend wirken können, werden im Folgenden zusammengefasst aufgezeigt.
Empfohlene Kommunikationsformen
| Kommunikationsform | Konkretes Verhalten | Beispiel |
|---|---|---|
| paraphrasieren | – Gesagtes in eigenen Worten wiederholen | – Patient:in: «Ich frage mich, ob die Schmerzen jemals wieder weggehen.» – Therapeut:in: «Sie machen sich grosse Sorgen, dass die Schmerzen dauerhaft bleiben.» |
| validieren | – Anerkennen und wertschätzen der Gefühle, Gedanken und des Erlebens, ohne diese zu bewerten oder in Frage zu stellen | – Patient:in: «Ich habe schon so vieles ausprobiert, aber die Schmerzen sind immer noch da. Das macht mich echt mutlos.» – Therapeut:in: «Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie sich nach so vielen Versuchen enttäuscht fühlen.» |
| verbalisieren | – Gefühle spiegeln | – Patient:in: «Ich traue mich aufgrund der Schmerzen fast nicht mehr zu bewegen, den Haushalt mache ich gar nicht mehr.» – Therapeut:in: «Es klingt so, als würden die Schmerzen Ihnen grosse Angst bereiten und Ihren Alltag stark beeinträchtigen.» |
| aktives Zuhören | – Nachfragen – Offene Fragen stellen | – Patient:in: «Ich kann mich kaum noch entspannen.» – Therapeut:in: «Wann merken Sie die Anspannung besonders stark?» |
| Empathie zeigen | – Sich in das Gegenüber einzufühlen | – Patient:in: «Ich schaffe im Moment gar nichts mehr.» – Therapeut:in: «Sie wirken erschöpft und vielleicht auch enttäuscht von sich selbst.» |
| Laienverständliche Sprache | – Keine Fachbegriffe verwenden | – Patient:in: «Ich verstehe nicht ganz, was chronische Schmerzen eigentlich bedeuten.» – Therapeut:in: «Chronische Schmerzen bedeuten, dass Schmerzen lange anhalten, auch wenn die ursprüngliche Ursache oft schon abgeheilt ist. Der Körper reagiert dann so, als wäre er schneller im Alarmmodus.» |
| Motivierende Gesprächsführung | – OARS-Modell – Ambivalenzen aufgreifen – Motivation stärken, indem an Ressourcen oder früheren positiven Erfahrungen angeknüpft wird – nicht drängend oder bewertend – Motivational Interviewing (PEPra) | – Patient:in: «Ich weiss, ich sollte mich mehr bewegen, aber ich habe Angst, dass es die Schmerzen verschlimmert.» – Therapeut:in: «Sie möchten eigentlich aktiv bleiben, haben aber gleichzeitig Sorge, ihrem Körper zu schaden. Was hat Ihnen den früher geholfen, trotz Schmerzen in Bewegung zu bleiben?» |
| Kongruente nonverbale Kommunikation | – Mimik und Gestik stimmen mit dem Gesagten überein | – Patient:in: «Ich habe das Gefühl, dass mich die Schmerzen völlig ausbremsen und niemand wirklich versteht, wie anstrengend das ist.» – Therapeut:in: schaut den Patienten aufmerksam an, nickt langsam zustimmend mit einem ruhigen Gesichtsausdruck, mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen, passend zur Schwere des Gesagten und antwortet: «Das klingt sehr belastend und muss auch ziemlich erschöpfend für Sie sein.» |
Eine evidenzbasierte Checkliste der Special Interest Group (SIG) Schmerzpsychologie der SPS zur Kommunikation mit Schmerzpatient:innen, spezifisch für die Bereiche der Grundhaltung, Schmerz- und Erwartungsmodell sowie therapeutische Aspekte, ist unter folgendem Link verfügbar:
Quellen
Bishop, F., Al-Abbadey, M., Roberts, L., MacPherson, H., Stuart, B., Carnes, D., Fawkes, C., Yardley, L., & Bradbury, K. (2021). Direct and mediated effects of treatment context on low back pain outcome: a prospective cohort study. BMJ Open, 11. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2020-044831.
Bundesamt für Statistik. (2022). Schweizerische Gesundheitsbefragung. Allgemeiner Gesundheitszustand | Bundesamt für Statistik – BFS
Goldsmith, E., Miller, W., Koffel, E., Ullman, K., Landsteiner, A., Stroebel, B., Hill, J., Ackland, P., Wilt, T., & Duan-Porter, W. (2023). Barriers and facilitators of evidence-based psychotherapies for chronic pain in adults: A systematic review.. The journal of pain. https://doi.org/10.1016/j.jpain.2023.02.026.
Sherriff, B., Clark, C., Killingback, C., & Newell, D. (2022). Impact of contextual factors on patient outcomes following conservative low back pain treatment: systematic review. Chiropractic & Manual Therapies, 30. https://doi.org/10.1186/s12998-022-00430-8.
Spink, A., Wagner, I., & Orrock, P. (2021). Common reported barriers and facilitators for self-management in adults with chronic musculoskeletal pain: A systematic review of qualitative studies.. Musculoskeletal science & practice, 56, 102433 . https://doi.org/10.1016/j.msksp.2021.102433.
Prof. Dr. med. Konrad Streitberger
Projektleitung PrePaC, Leitender Arzt Schmerzmedizin
Screening psychosozialer Risikofaktoren
Psychosoziale Risikofaktoren
Relevante psychosoziale Risikofaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen interagieren auf vielfältige Weise mit biologischen Faktoren.
Daher wird empfohlen, psychosoziale Risikofaktoren bereits früh, spätestens ab vier Wochen Schmerzdauer und/oder nicht ausreichendem Therapieerfolg zu erheben und in die weiteren Therapieentscheidungen miteinzubeziehen.
Swiss Pain Screening Questionnaire
Mit dem Swiss Pain Screening Questionnaire hat das Projekt PrePaC in Zusammenarbeit mit der Swiss Pain Society ein pragmatisches Schmerzscreening zusammengestellt, das einfach von primär versorgenden Fachpersonen erhoben, aber auch von Patient:innen selbst ausgefüllt werden kann. Neben wichtigen Fragen aus der Schmerzanamnese basiert dieser zweiseitige Kurzfragebogen auf dem Ultra-Kurz-Screening-Fragebogen (UKS), der aus dem Patient Health Questionnaire 4 (PHQ 4) entwickelt wurde. Dabei werden die wichtigsten Risikofaktoren für chronische Schmerzen orientierend abgefragt. Neben Schmerzstärke und Beeinträchtigung können auch psychische Komorbiditäten wie Angst und Depressivität sowie soziale, berufliche Belastungen und die Therapiemotivation erhoben werden. Der Fragebogen dient einem ersten Eindruck, welche Relevanz psychosoziale Faktoren im individuellen Fall spielen könnten. Entsprechend kann direkt eine Empfehlung für eine soziale und/oder psychologische Beratung oder auch Konsultation bei einer Fachperson für Schmerzmedizin daraus erfolgen. Dabei ist es wichtig diese Empfehlung in jedem Fall mit dem/der behandelnden Arzt/Ärztin direkt abzusprechen und ggf. auch von ihm/Ihr umsetzen zu lassen. Vor allem vor invasiven Massnahmen lohnt sich ein psychosoziales Screening, um die Indikation gezielt stellen zu können und therapeutischen Misserfolgen vorzubeugen.
Entsprechend spezialisierte Fachpersonen finden Sie auf unserer Plattform.
STarT Fragebogen
Für ein biopsychologisches Screening eignet sich der STarT Back für den Rücken und STarT MSK allgemein für muskuloskelettalen Schmerzen. Diese Fragebögen erfassen neben Schmerzintensität und funktionellen Beeinträchtigungen auch psychologische Faktoren wie Depressivität, Angst-Vermeidung oder Erwartungen an die Beschwerdedauer sowie Fragen zur Chronizität und Komorbiditäten werden erfasst. Anschliessend erlaubt das Tool eine Einteilung der Patient:innen in drei prognostische Kategorien: ein niedriges, mittleres oder hohes Risiko für einen ungünstigen Krankheitsverlauf, womit sicherstellt werden kann, dass Patient:innen frühzeitig die für sie bestgeeignete Behandlung erhalten.
Sozialdiagnostisches Screeninginstrument
Für eine Einschätzung der sozialen Dimension eignet sich z. B. sozialdiagnostisches Screeninginstrument zur Selbstbeurteilung von Patient:innen. Dieses Kurzassessment wurde von der FHNW entwickelt und kann auch im medizinischen Kontext angewendet werden.
Fragebögen
Für spezifischere Fragestellungen gibt es noch zahlreiche andere Fragebögen.
Prof. Dr. med. Konrad Streitberger
Projektleitung PrePaC, Leitender Arzt Schmerzmedizin
Bildgebende Diagnostik
Beitrag folgt.