Christine Morger
Sozialarbeiterin/Fachberaterin Sozialtherapeutisches Case Management
Rheumaliga Bern & Oberwallis
Angebote in der Gesundheitsförderung und -Prävention
Freude, Sinnhaftigkeit und die Erfahrung, auch schwierige Situationen bewältigen zu können, stärken Menschen. Diese Grundidee steht im Zentrum des Salutogenese-Modells, das 1977 vom Soziologen Aaron Antonovsky vorgestellt wurde – als eine Art Gegenentwurf zur Pathogenese. Während sich die Pathogenese mit Entstehung und Verlauf von Krankheiten befasst, stellt die Salutogenese andere Fragen:
- Was hält Menschen gesund, trotz bestehender Risikofaktoren?
- Wie lässt sich Gesundheit fördern?
- Wie gelingt die Erholung von Krankheit?
- Warum bleiben manche Menschen gesund, obwohl sie starken Belastungen ausgesetzt sind?
Die Angebote der Rheumaliga setzen genau hier an: Sie stärken die Patientenkompetenz von Menschen mit chronischen (Rheuma-)Erkrankungen, erhalten und fördern Ressourcen und tragen so zu mehr Lebensqualität und Wohlbefinden bei.
Bewegungsangebote – im Wasser, in Turn- und Gymnastikräumen oder in der freien Natur – fördern Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft und Gleichgewicht und ermöglichen zugleich den Austausch unter Betroffenen. Rheumaerkrankungen sind oft unsichtbar, was psychisch stark belasten und zu Gefühlen von Einsamkeit führen kann. Zudem sind sie – bei über 200 verschiedenen Krankheitsbildern – schwer zu verstehen und zu erklären.
Für die psychosozialen Folgen einer rheumatischen Erkrankung stehen interprofessionelle Beratungsangebote zur Verfügung. Häufige Themen sind chronische Schmerzen, Ängste (z. B. Arbeitsplatzverlust, Existenzsicherung, Alltagsbewältigung), Schlafprobleme, soziale Kontakte, Krankheitsbewältigung, fehlendes Verständnis im Umfeld sowie Ernährung.
Die Folgen chronischer (Rheuma-)Erkrankungen sind so vielfältig wie die betroffenen Menschen selbst.
Weitere Angebote greifen deshalb gezielt einzelne Themen auf: den Umgang mit Rheumaerkrankungen und ihren Folgen; Rolle, Möglichkeiten und Grenzen von Fachpersonen (Health Professionals); Selfempowerment und die Förderung der Patientenkompetenz und Resilienz sowie den gegenseitigen Austausch unter Betroffenen (Peer-to-Peer).
Weitere Informationen
Freizeitgestaltung, Bewegung trotz Schmerzen und Wohlbefinden
Aus der Perspektive der Fachberaterin und persönlicher Perspektive der Autorin, die selbst betroffen ist.
Lebensqualität erhalten
Es gibt gute und schlechte Tage – mit und ohne chronische Erkrankung. Der Unterschied: Alltägliche Aufgaben fühlen sich mit einer Erkrankung noch schwieriger an. Dieses Gefühl kennen auch «Gesunde», sobald ihre Gesundheit sie herausfordert, sei es durch Kopfweh, Bauchschmerzen oder Unwohlsein.
Mit einer chronischen Erkrankung haben Körper und Geist jedoch nie wirklich Pause von den Strapazen – die Beschwerden sind mal stärker, mal schwächer, aber immer präsent. Lebensqualität zu erhalten oder zu optimieren, wird so zur eigentlichen Lebensaufgabe, und eigene Strategien zu entwickeln, kann überlebenswichtig sein.
Sich informieren und Unterstützung annehmen
Die Forschung kennt zahlreiche Angebote, die helfen, die vielfältigen Folgen von chronischen Krankheiten und Schmerzen zu bewältigen: etwa das Achtsamkeitstraining MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) nach Prof. Dr. med. Jon Kabat-Zinn, die Progressive Muskelentspannung (PMR) nach Jacobson – bei der gezieltes An- und Entspannen einzelner Muskelgruppen zu körperlicher und geistiger Entspannung führt – oder verschiedene Yogatherapien, die Körper, Geist und Atem gezielt einsetzen, um Beschwerden zu lindern und das Wohlbefinden zu steigern. Diese Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen.
Expertpatient:innen und Selfempowerment
Menschen mit chronischen Erkrankungen entwickeln sich mit der Zeit oft zu Expertpatient:innen. Sie lernen Körper, Geist und Seele so gut kennen, dass sie genau wissen, was ihnen guttut – gestützt auf eigene Erfahrungen, offen sein für kreative Lösungen (Not macht erfinderisch) und mit eigenen Alltagsstrategien. Unterstützung bietet zudem die interprofessionelle Zusammenarbeit mit gezielt gewählten Health Professionals aus verschiedenen Disziplinen, z.B. Rheumatologen, Bewegungsfachpersonen u. ä. – für Betroffene ebenso wie für ihre Angehörigen.
Stabilisierung Aktivitätsniveau
Wichtig ist dabei der Blick auf alle Lebensbereiche, denn eine chronische (Rheuma-)Erkrankung mischt sich rücksichtslos ins volle Leben ein: Soziale Kontakte leiden, wenn neben Arztterminen und Arbeit kaum Energie bleibt, sie zu pflegen. Die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz nimmt trotz grosser Anstrengung ab – mit Fehlzeiten und Unverständnis im Team, gerade weil die Krankheit unsichtbar ist. Auch die Planbarkeit der eigenen Energie bleibt eine Herausforderung, da sich das Aktivitätsniveau der Erkrankung nicht immer einschätzen lässt. Hier kann die Ärztin/der Arzt, die Rheumatologin/der Rheumatologe mit gezielter Medikation unterstützen: Eine optimale Einstellung hilft, Schmerzen zu lindern und das Aktivitätsniveau zu stabilisieren.
Was ich als Betroffene:r selber tun kann
Aus der persönlichen Perspektive der Autorin, die selbst betroffen ist.
Gute und schlechte Tage würdigen
Gute Tage nehme ich achtsam wahr und freue mich darüber. Schlechte Tage fordern meine Kreativität im Umgang mit der Krankheit: Hat die Krankheit mich im Griff, oder begleitet sie mein Leben – in guten wie in schlechten Zeiten? Für schlechte Tage habe ich Coping-Strategien entwickelt: eine Balance zwischen Aktivität und Ruhe finden (weniger ist mehr), mental das halb volle Glas sehen (es kommen wieder gute Tage) und vor allem tun, was mir guttut und Freude bereitet.
Bewegung hilft
Nicht jede Bewegung muss Sport sein. Vielleicht bewegen Sie sich gerne oder auch nicht. Entscheidend ist, was Sie gerne tun. Ein Spaziergang etwa, der alle Sinne anregt und von Schmerzen ablenkt: Vogelgesang, die Düfte der Jahreszeiten, die Farben der Natur. Ich schwimme, fahre Velo und frage meine Physiotherapeutin, was meine Schmerzen lindern könnte. Ich bin achtsam und gelenkschonend unterwegs in der Wahl meiner Aktivitäten. In einem Rheuma-Bewegungskurs tausche ich mich zudem mit anderen Schmerzpatient:innen aus. Zu wissen, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, hilft.
Ablenkung und Rituale pflegen
Ablenkung von Schmerzen hilft – dort können Sie erfinderisch sein! Schon als Kinder wurden wir bei Schmerz und Kummer auf etwas Angenehmes umgelenkt; dieses Prinzip lässt sich auch im Erwachsenenalter nutzen, etwa mit einem guten Film oder Musik.
In schmerzhaften Zeiten geben Rituale Halt: eine gedankliche Reise zu schönen Erinnerungen und Erlebnissen, eine Kerze anzünden, stricken oder backen. Rituale schaffen Struktur in Zeiten von Verunsicherung und gedrückter Stimmung.
Soziale Kontakte pflegen
Regelmässig gepflegte soziale Kontakte stärken Wohlbefinden und psychische Gesundheit und können auch körperliche Beschwerden lindern. Ich weiss, welche Kontakte mir guttun – und welche nicht.
Health Professionals und Beratungsstellen nutzen
Kenne ich die Möglichkeiten und Grenzen der Beratungs- und Hilfsangebote? Ich informiere mich regelmässig über Angebote im Gesundheitswesen und nutze sie gezielt, überlege mir, was meine Selbstwirksamkeit am besten unterstützt, und lege Wert darauf, dass die Fachpersonen «am gleichen Strick ziehen». Und ich kann Hilfe annehmen.