Wissen für alle

Orientierung und Hintergrundwissen zum besseren Verständnis von Schmerz

Wissen über Schmerz schafft Einordnung. Es hilft, Beschwerden bewusster wahrzunehmen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und unterschiedliche Einflussfaktoren auf das Schmerzgeschehen besser zu verstehen.

Was ist Schmerz?

Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung einhergeht oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird1. Er dient als überlebenswichtiges Warnsignal des Körpers, entwickelt sich jedoch bei chronischem Verlauf mit mehr als drei Monaten Dauer zu einer eigenständigen Krankheit gemäss ICD-11. In diesem Zeitraum kann sich bereits über Veränderungen im zentralen Nervensystem die Schmerzwahrnehmung ändern. Daher müssen Chronische Schmerzen auch anders behandelt werden als akute Schmerzen.

1Quelle

Biopsychosoziales Gesundheitsverständnis

Schmerzen gehören zum Leben – chronisches Leiden aber nicht.

Stabile körperliche, psychische und soziale Voraussetzungen tragen dazu bei, dass akute Schmerzen nicht in einen chronischen Zustand übergehen. Für einen gesunden Umgang mit Schmerz und ein wirkungsvolles Schmerzmanagement ist es wichtig, diese Mechanismen zu kennen und zu verstehen.

Zuhören ist das Zauberwort

Schmerz ist eine unangenehme Empfindung, die stets zu respektieren ist. Er beeinträchtigt den Alltag und verunsichert. Negative Denkmuster und psychosoziale Belastungen wirken schmerzverstärkend und unterstützen einen Übergang von akuten zu chronischen Schmerzen.

Prävention beginnt mit Zeit, mit Zuhören und mit Ernstnehmen.

Verstehen, vernetzen, vorbeugen

Wird Schmerz nicht adäquat behandelt, kann er zum Dauerzustand werden. Handeln Sie frühzeitig, spätestens nach einem Monat anhaltender Schmerzen. Betrachten Sie neben körperlichen immer auch psychosoziale Belastungen.

FAQs - häufig gestellte Fragen

Schmerzen, deren Dauer über das Ausmass einer akuten (frisch aufgetretenen) Ursache hinaus nicht nachvollziehbar lange anhalten gelten allgemein als chronisch. Die WHO definiert Schmerzen als chronisch, wenn sie über einen Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten anhalten oder in diesem Zeitraum immer wiederkehren.

Im Gegensatz zum akuten Schmerz, der als wichtiges Warnsignal des Körpers fungiert, hat chronischer Schmerz seine biologisch sinnvolle Funktion oft verloren und wird als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet.

Oft besteht eine Kombination von einer Verletzung oder Erkrankung (wie z. B. degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates, Nervenerkrankungen oder Tumorerkrankungen) als Schmerzauslöser und einer danach sich entwickelnden überempfindlichen Reaktion des zentralen Nervensystems bei zunehmend anhaltenden Schmerzen. Dabei können die Schmerzen sowohl durch körperliche (wie. z. B. Entzündungsreaktionen), aber auch durch psychische (wie z. B. Angst) und soziale (wie z. B. Arbeitsplatzprobleme) beeinflusst und aufrechterhalten werden. 

Es gibt aber auch chronische Schmerzen, die ohne Auslöser direkt als Erkrankung im zentralen Nervensystem entstehen, wie z. B. Migräne und Fibromyalgie (primäre chronische Schmerzen).  

Gemäss WHO und neuer Diagnosekriterien im ICD 11 ist chronischer Schmerz eine eigene Krankheit.

Am häufigsten führen Erkrankungen und Verletzungen des Bewegungsapparates (insbesondere am Rücken) zu chronischen Schmerzen. Weltweit sind damit die höchsten gesundheitlichen Einschränkungen im Vergleich zu anderen Erkrankungen verbunden.  

Bei chronischen Schmerzen wandelt sich die Rolle des Nervensystems von einem Warnmelder zu einer eigenständigen Krankheitsursache. Bei länger anhaltenden Schmerzen tritt im Gehirn eine Sensibilisierung ein, so dass Schmerzen wie eine überempfindliche Alarmanlage verstärkt wahrgenommen werden.

Die Diagnose erfolgt bereits durch die Anamnese. Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten und damit das Leben beeinträchtigen, werden als chronische Schmerzen bezeichnet. Zur Differenzierung der Ursachen und Ausprägung der Erkrankung gibt es verschiedene Untersuchungen. Bei muskuloskelettalen Schmerzen sollte z. B. mit Vorliegen von Hinweisen für eine schwerwiegende Erkrankung oder Verletzung eine radiologische Bildgebung erfolgen falls diese noch nicht vorliegt. Eine wiederholte Bildgebung bei unveränderter Symptomatik ist hingegen meist unnötig.

Ein hilfreicher Test zur Überprüfung der Schmerzwahrnehmung ist der Algopeg®. Dabei wird die Schmerzwahrnehmung mit einer Wäscheklammer an Finger und Ohr geprüft. Ansonsten sind weitere Untersuchungen sehr abhängig von der Ursache der Schmerzerkrankung.

Immer wenn Schmerzen für Sie nicht tolerierbar sind oder nicht erklärbar anhalten und Ihnen Sorgen machen, sollten Sie Ihre hausärztliche Praxis kontaktieren. Diese entscheidet dann wann und zu welchem Spezialisten Sie gehen sollten. Suchen Sie auch eine Praxis auf, wenn sie wegen akuten banalen Schmerzen länger als eine Woche nicht verschreibungspflichtige Schmerzmittel einnehmen.

Die üblichen Schmerzmittel helfen oft nicht oder nur unzulänglich bei chronischen Schmerzen. Je nach Ursache und Begleiterkrankungen können aber spezifische Medikamente gegen Nervenschmerzen wie z.  B. Gabapentine oder Antidepressiva hilfreich eingesetzt werden.

Arnika, Weidenrinde, Beinwell, Pfefferminzöl sind pflanzliche Alternativen zu den klassischen Schmerzmitteln.  Methoden wie Wärme-/Kälteanwendungen, Bewegung, Physiotherapie, Akupunktur, Massagen, Hypnose und andere Entspannungstechniken helfen auch Schmerzen zu lindern, meist mit weniger Nebenwirkungen als Medikamente.

Beides sind eine wichtige Basis in der Schmerztherapie, insbesondere bei chronischen Schmerzen.

Das ist sehr individuell. Wichtig ist primär sich gut über chronische Schmerzen zu informieren. Ganz allgemeine Massnahmen, sind regelmässige Bewegung (leichter Sport, Yoga) und den Alltag aktiv zu gestalten, statt Schonhaltungen einzunehmen.  Es empfiehlt sich mindestens eine Entspannungstechnik zu lernen (z. B. Achtsamkeit, Progressive Muskelrelaxation, Meditation) gut zu lernen und anzuwenden. Zudem helfen situativ Wärmeanwendungen oder TENS-Geräte zur Nervenstimulation. Mit diesen Massnahmen kann dann eine strukturierte Schmerzbewältigung aufgebaut werden.

Das hängt von der individuellen Situation ab. In der Regel ist eine offene und authentische Kommunikation hilfreich, sofern sie sich stimmig anfühlt. Wenn dies nicht möglich ist oder als belastend empfunden wird, kann es sinnvoll sein, das Vorgehen mit einer psychotherapeutischen Fachperson abzusprechen. Da bei Schmerzen auch soziale Faktoren eine Rolle spielen können, kann zudem eine Beratung durch eine sozialarbeiterische Fachperson unterstützen – insbesondere dann, wenn finanzielle Sorgen als zusätzliche Belastung erlebt werden.

Grundsätzlich ist jede Situation individuell zu prüfen. Es empfiehlt sich, frühzeitig das Gespräch mit Vorgesetzten zu suchen und mögliche Lösungen innerhalb des Betriebs zu klären.
Bei einer voraussichtlich längeren Arbeitsunfähigkeit kann zudem eine Früherfassung bei der Invalidenversicherung (IV) sinnvoll sein. Dadurch kann geprüft werden, ob berufliche Massnahmen zur Unterstützung möglich sind.

Wichtiger Hinweis: Im Falle einer Pensums Reduktion sollte immer ärztlich bestätigt werden, dass diese aus gesundheitlichen Gründen erfolgt (IV-relevant).

Falls die Schmerzen zu einer länger andauernden Arbeitsunfähigkeit führen und/oder die Weiterführung Ihrer bisherigen Tätigkeit nicht mehr möglich ist, kann eine Anmeldung bei der IV sinnvoll sein. Erkundigen Sie sich bei Ihrer kantonalen IV-Stelle nach einem kostenlosen Beratungstermin.

Das kann niemand beantworten. Die Frage kann aber auch umformuliert werden: Kann ich mit den Schmerzen für immer leben? Die Antwort für sehr viele Patienten lautet dann ja, nachdem sie gelernt haben ihre Schmerzen selbst in den Griff zu bekommen.  

Schmerzhafte Reize werden erst im Gehirn als Schmerzen wahrgenommen (no Brain, no Pain). Schmerzen sind daher immer individuell und subjektiv. Im chronischen Verlauf gehen sie aber immer auch mit einer strukturellen Veränderung im Gehirn einher. Bei chronischen Schmerzen kann daher nicht nur von Einbildung gesprochen werden

Prinzipielle können alle Schmerzmittel abhängig machen. Ein besonders erhöhtes Risiko besteht bei Opioiden. Dabei gibt es die Faustregel, je schneller die Wirkung eintritt, desto schneller entsteht auch eine Abhängigkeit.

Bewegung ist (fast) immer sinnvoll auch mit kurzfristiger Schmerzverstärkung. Wichtig ist das Ausmass so anzupassen, dass keine anhaltende Schmerzzunahme auftritt.

Die Basis für eine leitliniengerechte Behandlung chronischer Schmerzen bildet die Betreuung durch die hausärztliche Praxis. Diese behält den Überblick über alle Behandlungen und koordiniert sie. Bei Bedarf kann eine schmerzmedizinisch qualifizierte Fachperson (z. B. mit SSIPM- oder SPS-Zertifizierung) hinzugezogen werden; gemeinsam wird festgelegt, wer die Hauptverantwortung für die Schmerztherapie übernimmt. Häufige Arztwechsel oder unkoordinierte Behandlungen können zu unnötigen Abklärungen oder Therapien führen und die Situation eher verschlechtern.

Auch wenn alle vorbestehenden Unterlagen zugestellt sein sollten, ist es ratsam eine Diagnoseliste, eine aktuelle Medikamentenliste und aktuelle Befunde und Berichte der letzten Jahre selbst aufzubewahren, um diese zu allen Arzt-Konsultationen mitzunehmen. Füllen Sie zugestellte Fragebögen und Schmerzzeichnungen aus. Schreiben Sie sich ihre Sorgen und Fragen auf, die sie auf jeden Fall besprochen haben möchten. Lassen Sie sich nicht zu einer Therapie überreden, der sie nicht vertrauen. Je besser ein:e Patient:in über die eigene Schmerzkrankheit informiert ist, desto leichter fällt die Therapie.

Antwort einer Schmerzbetroffenen: Das ist unterschiedlich. Wenn ich es früh genug bemerke, versuche ich erlernte Coping-Strategien anzuwenden und mich generell ein wenig zurückzunehmen. Manchmal passiert es aber auch, dass ich es erst bemerke, wenn ich schon mitten im Schub bin, dann hilft nur noch ausruhen und warten, dass es vorübergeht.

Fragen Sie Ihre Fachperson

Diese Plattform stellt keinen Ersatz für eine Behandlung durch eine Fachperson dar. Bitte lassen Sie sich von Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder einer anderen Fachperson zu geeigneten Behandlungsmöglichkeiten beraten.